Moin bunter oder bald bunter Mensch!
Heute geht’s mal nicht um Motivideen, Schmerzen oder die Frage, ob der Hals wirklich die beste Stelle für dein erstes Tattoo ist. Heute geht’s um ein Thema, das gerade in der Tattoo-Szene diskutiert wird: den geplanten Befähigungsnachweis des Bundesverband Tattoo e.V., kurz BVT.
Der Bundesverband Tattoo e.V. möchte einen eigenen Nachweis für Tätowierer einführen. Laut öffentlicher Ankündigung soll dieser als freiwilliger Qualitätsnachweis dienen. Gleichzeitig gibt es Kritik aus der Branche, unter anderem vom DOT e.V. und von Feelfarbig. Viele Tätowierer sehen darin nicht automatisch mehr Qualität, sondern eher neue Probleme: mehr Bürokratie, neue Kosten, mögliche Schein-Sicherheit und die Frage, wer eigentlich beurteilen darf, was ein „gutes“ Tattoo ist.
Standards? Ja. Aber bitte an der richtigen Stelle.
Versteht mich nicht falsch: Ich bin absolut für Verantwortung im Tattoo-Bereich.
Wir arbeiten auf Haut. Mit Nadeln. Mit Farbe. Mit Blutkontakt. Hygiene ist deshalb nicht verhandelbar. Ein Studio muss sauber arbeiten, sicher beraten und Kundinnen und Kunden schützen.
Aber genau dafür gibt es bereits bestehende Hygienestandards, Schulungen, Nachweise und Kontrollen. Dazu gehört zum Beispiel die DIN EN 17169 „Tätowieren – Sichere und hygienische Praxis“. Auch Behörden geben entsprechende Vorgaben vor, etwa die Hamburger Hygieneregeln für Tätowier- und Piercingbetriebe.
Diese Standards erfülle ich. Entsprechende Hygienenachweise und Zertifikate von etablierten Stellen sind vorhanden.
Wenn es beim BVT-Nachweis also ausschließlich um Hygiene, Infektionsschutz und Arbeitssicherheit ginge, könnte man darüber reden. Obwohl man auch dann fragen müsste: Warum braucht es noch ein weiteres Zertifikat, wenn es für genau diesen Bereich bereits anerkannte Standards gibt?
Problematisch wird es für mich dort, wo aus Hygiene plötzlich eine Bewertung von künstlerischer Qualität wird.
Kunst lässt sich nicht abhaken
Tätowieren ist nicht nur Handwerk. Es ist auch Kunst.
Und Kunst funktioniert nicht wie eine Checkliste.
Wer entscheidet, ob ein Tattoo „gut“ ist? Eine Prüfungskommission? Ein Verband? Andere Tätowierer, die vielleicht selbst einen bestimmten Stil bevorzugen?
Was für den einen unsauber wirkt, kann für den anderen ein bewusster Stil sein. Manche Tattoos sind roh, wild, reduziert, experimentell oder bewusst nicht perfekt glattgebügelt. Genau diese Vielfalt macht Tattoo-Kultur aus.
Wenn irgendwann ein Zertifikat nach außen vermittelt: „Wer das hat, ist gut – wer es nicht hat, ist fragwürdig“, dann wird es gefährlich. Denn dann entsteht Druck, auch wenn alles angeblich freiwillig ist.
Qualität sieht man nicht am Prüfungstag
Tattoo-Qualität zeigt sich nicht an einem einzigen Tag.
Frisch sehen viele Tattoos erstmal gut aus. Entscheidend ist aber, wie sie heilen und wie sie nach Monaten oder Jahren aussehen. Halten die Linien? Bleiben Schattierungen stabil? Ist die Haut sauber verheilt? Wurde zu tief gestochen? Gibt es Narben?
Das kann keine einmalige Prüfung zuverlässig zeigen.
Ein gutes Tattoo beweist sich nicht auf Papier. Es beweist sich auf Haut.
Darum sind für Kunden abgeheilte Arbeiten, ein ehrliches Portfolio, saubere Beratung und ein gutes Gefühl im Studio viel wichtiger als irgendein neues Siegel.
Die Frage nach dem Geld
Natürlich muss man auch über Geld sprechen.
Wenn ein Verein Prüfungen anbietet, für die Tätowierer zahlen müssen, entsteht automatisch ein Interessenkonflikt. Wer prüft, verdient auch an der Prüfung. Laut Kritik des DOT steht bei dem geplanten Nachweis unter anderem eine Prüfungsgebühr im Raum. Auch Feelfarbig ordnet das Thema kritisch ein und verweist auf mögliche strukturelle Probleme.
Ich sage nicht, dass das automatisch reine Geldmacherei ist. Aber die Frage muss erlaubt sein: Geht es hier wirklich nur um Qualität? Oder entsteht gerade eine neue Einnahmequelle?
Und noch eine unbequeme Frage: Sind manche vielleicht auch genervt, weil Kunden zu Tätowierern gehen, die sie selbst für schlechter halten? Aber Kunden entscheiden nun mal nicht nur nach technischer Perfektion. Sie entscheiden nach Stil, Gefühl, Vertrauen und Geschmack.
Nicht jedes Tattoo muss jedem Tätowierer gefallen.
„Freiwillig“ ist nicht immer folgenlos
Der BVT betont, dass der Nachweis freiwillig sein soll. Gleichzeitig steht im offiziellen Lobbyregister des Bundestags, dass der Verband an einer Basis für eine Zugangsregelung für Neutätowierende mitwirken möchte.
Und genau da werde ich hellhörig.
Denn etwas kann auf dem Papier freiwillig sein und trotzdem irgendwann zum faktischen Standard werden. Wenn Kunden, Studios, Versicherungen oder Behörden irgendwann fragen: „Haben Sie diesen Nachweis?“, dann ist der Druck plötzlich real.
Meine Meinung
Ich bin für klare Regeln bei Hygiene. Absolut. Ich bin für Kontrollen, saubere Studios, fachliche Schulungen und Konsequenzen, wenn jemand Menschen gesundheitlich gefährdet oder durch schlechte Arbeit Narben verursacht.
Aber ich bin skeptisch, wenn ein zusätzlicher Befähigungsnachweis suggeriert, er könne künstlerische Qualität bewerten. Denn gute Tattoos entstehen nicht durch Urkunden. Sie entstehen durch Erfahrung, Verantwortung, Stil, ehrliche Beratung und sauberes Arbeiten.
Hygiene kann man prüfen. Kunst nicht so einfach.
Fazit: Verantwortung ja, Schein-Sicherheit nein
Wenn der BVT wirklich etwas für die Branche tun möchte, dann sollte es um sinnvolle, einheitliche und praxisnahe Hygienestandards gehen. Nicht um ein weiteres Zertifikat, das am Ende vielleicht mehr verunsichert als hilft.
Denn das beste Qualitätssiegel hängt nicht an der Wand. Es läuft draußen auf der Straße herum – auf Armen, Rücken, Beinen und Herzen von Menschen, die ihre Tattoos seit Jahren tragen. Und genau dort sieht man, ob ein Tätowierer wirklich gute Arbeit macht.
Dein Ozzy

