Moin bunter oder bald bunter Mensch!
Mir reicht’s. Wenn ich noch eine Schlagzeile à la „ACHTUNG! Dein Tattoo ist eine tickende Krebs-Bombe!!!“ lese, werfe ich mein Handy aus dem Fenster. Clickbait vom Feinsten – und die Leute kommen mit Schiss zu mir ins Studio.
Ich bin Ozzy, Tätowierer in Hamburg, und heute schauen wir uns ohne Panik und ohne Schönfärberei an, was seriöse Studien wirklich sagen.
Woher der Mythos kommt
Die Sorge ist nicht komplett aus der Luft gegriffen. Vor über zehn Jahren hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in schwarzen Tätowierfarben krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) nachgewiesen. Dazu kamen Bedenken bei bestimmten Azo-Pigmenten und die Erkenntnis: Farbe bleibt nicht nur da, wo du sie hingestochen haben wolltest, sondern landet teils auch in den Lymphknoten.
Das Problem: Alte Befunde mit alten Farben werden in Panik-Artikeln als „NEU!!!“ verkauft – ohne zu erwähnen, was sich komplett geändert hat.
Der Gamechanger 2022: die REACH-Verordnung
Seit dem 4. Januar 2022 gilt in der gesamten EU die REACH-Verordnung für Tätowiermittel. Keine nette Empfehlung – Gesetz.
Tausende Chemikalien, die vorher erlaubt waren, sind seither verboten oder streng beschränkt: alles, was krebserregend, erbgutverändernd oder fortpflanzungsgefährdend ist, außerdem PAK, bestimmte Schwermetalle und krebserregende Amine. Seit Januar 2023 sind zusätzlich Pigment Blau 15:3 und Pigment Grün 7 verboten.
In meinem Blog Tattoofarben und Sicherheit räume ich mit vielen Mythen dazu auf.
Die Tattoofarben, mit denen ich heute arbeite, sind die strengst regulierten, die es jemals gab. Jede Flasche hat eine Chargennummer und eine vollständige Zutatenliste. Wer heute noch mit alten Farben sticht, macht sich strafbar.
Wenn du über meine Erfahrungen mit REACH-Farben lesen möchtest, schau dir gerne meinen Blog dazu an.

Was das BfR wirklich sagt
Das BfR sagt nicht „Tattoos sind krebserregend“. Es sagt: „Wir brauchen mehr Daten zur Langzeitwirkung.“ Sogar für die heute verbotenen Pigmente Blau 15:3 und Grün 7 kam das BfR in seiner Stellungnahme 039/2020 zu dem Schluss, dass die Daten auf eine „vergleichsweise geringe Toxizität“ hinweisen. Das Verbot kam aus Vorsorge wegen Datenlücken, nicht weil die Pigmente als erwiesen krebserregend galten.
„Noch nicht abschließend bewertet“ ist eben nicht das Gleiche wie „bewiesen gefährlich“.
Die Studien, über die du aktuell liest
Zum Elefanten im Raum – ich verschweige nichts.
Lund-Studie 2024 (Nielsen et al.): Eine schwedische Studie im Fachjournal eClinicalMedicine fand bei Tätowierten ein 21 Prozent höheres Risiko für maligne Lymphome. Klingt krass – aber: Lymphome sind sehr selten, die Größe des Tattoos spielte keine Rolle (spricht gegen einen direkten Farbeffekt), und die Deutsche Krebshilfe ordnet die Studie wegen methodischer Mängel als vorsichtig zu interpretieren ein. Die Autorin selbst sagt: Muss in weiteren Studien überprüft werden.
Utah-Studie 2025: Während die Lund-Studie durch die Medien ging, wurde eine Gegenstudie leiser besprochen. Das Huntsman Cancer Institute der University of Utah fand bei rund 7.000 Menschen: Wer zwei oder mehr Tattoo-Sitzungen hatte, hatte ein niedrigeres Melanomrisiko. Ja, niedriger. Vermutlich, weil Tätowierte ihre Haut besser vor Sonne schützen.
Lund-Studie 2025: Das Nielsen-Team hat Hautkrebs genauer untersucht. Ergebnis: kein Zusammenhang zum Plattenepithelkarzinom, beim Melanom ein sehr kleiner Unterschied (22 vs. 20 Prozent), der weiter erforscht werden muss.
Kurz: Die Forschungslage ist gemischt, nicht einseitig.
Was heißt das für dich?
- Es gibt keinen Beweis, dass moderne, REACH-konforme Tattoofarben Krebs verursachen.
- Es gibt einzelne Studien mit Hinweisen – und Studien, die das Gegenteil zeigen.
- Die am besten belegten Risiken sind nicht Krebs, sondern Infektionen und Allergien. Und die lassen sich durch Hygiene und saubere Farben massiv reduzieren.
Wenn du Vorerkrankungen hast oder dein Immunsystem geschwächt ist: Sprich vorher mit deinem Arzt. Kein Schwarzmalen, schlicht vernünftig.

Worauf es wirklich ankommt: dein Studio
Ein Tattoo aus einem seriösen deutschen Studio mit REACH-konformen Farben ist nicht dasselbe wie ein Kellertattoo mit Billig-Farbe von Alibaba. Zwei komplett verschiedene Baustellen.
Das sollte für dich selbstverständlich sein:
- REACH-konforme Tattoofarben – ein seriöser Tätowierer zeigt dir die Flaschen und erklärt dir die Hersteller.
- Einmalnadeln, sterile Verpackungen, frische Handschuhe – keine Diskussion.
- Sauberes Studio, desinfizierte Arbeitsflächen.
- Transparenz – dein Tätowierer sollte dir ohne Zögern sagen können, was er verwendet.
Bei mir läuft genau das. Neue Nadeln für jeden Kunden, REACH-konforme Farben, alles sauber. Das ist der Standard, den du erwarten solltest – und eben nicht überall kriegst.
Denk dran: Die 40-Euro-Tattoos im „Homestudio“ sind nicht billig, weil da einer besonders nett ist. Die sind billig, weil jemand entweder bei den Farben, bei der Hygiene oder bei der Steuer spart. Oder bei allen dreien.
Fazit: Fall nicht auf Click-Bait rein, aber bleib kritisch
Die Forschung ist nicht abgeschlossen – das gebe ich offen zu. Aber sie ist auch bei weitem nicht so dramatisch, wie reißerische Überschriften tun. Die EU-Farben sind so sicher wie nie zuvor, das BfR hat eine eigene Tätowiermittel-Kommission eingerichtet, die ECHA zieht die Daumenschrauben immer weiter an.
Lass dich nicht von Panik-Headlines abschrecken. Lass dich aber auch nicht in irgendein Hinterzimmer locken, wo mit „Tinte aus China“ gearbeitet wird. Such dir ein seriöses Studio, stell Fragen – dann bekommst du ein Kunstwerk, das dich ein Leben lang begleitet.
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Dein Ozzy

